Kommentar zum Lux Filmpreis als Beispiel einer europäischen Idee, die etwas zu schwammig geraten ist, um im großen Rahmen etwas bewirken zu können.

Cora Frischling mit Maren Ade (r.) in Straßburg © Foto von Támar Cachet

Wenn der Lehrer früher den Fernseher ins Zimmer schob, ging in meiner Klasse nicht selten ein Freudenschrei um. Yippieh! Entspannen, nichts machen, schlafen oder sich berieseln lassen. Dann schaute man eine Doku zur Veranschaulichung des sowieso behandelten Themas, die Verfilmung eines sowieso behandelten Romans oder, wenn der Lehrer verkatert war, irgendetwas nicht allzu Lautes.

Das sind so ziemlich die einzigen Momente, in denen ich in meiner Schulzeit mit Film in Berührung gekommen bin. Nachbesprechungen gab es nie über das hinaus, was man auch diskutiert hätte, hätte man der Klasse das Lesen des ganzen Buches zugetraut. Film als andere Art, Stoff zu vermitteln, also: einfacher, bildlicher, weniger aufwändig vorzubereiten. So wird Film auf sein Dasein als Medium reduziert – dabei ist es eine der jüngsten und sich am schnellsten entwickelnden Künste unserer Zeit. Also durchaus eine Betrachtung als solche wert.

Vor gut 100 Jahren in Europa erfunden, wuchs hierzulande, in Frankreich, in England sowie in Amerika rasant eine Szene experimentierfreudiger Künstler heran. Der erste Weltkrieg verhinderte jedoch den schnellen Übergang zu einer Industrie, die sich in den USA zu dem Zeitpunkt herausbilden konnte und seitdem ihre Vormachtstellung erhalten hat. Aber gleichzeitig ist dieser Import aus Hollywood ein gutes Beispiel für die Reise kultureller Konstrukte und Mythen durch das Medium Film. Wissen wir über ein anderes Land so viel wie über das Land hinterm großen Teich?

Dass unsere kulturelle Landschaft (neben Film auch Fernsehen, Musik, Literatur) so stark amerikanisch geprägt ist, beschäftigt seit jeher die Europäer. Frankreich fing beispielsweise in den 90er Jahren an, Musik im Radio zu quotieren. Inzwischen beschäftigt sich auch die EU mit diesen Themen. Kürzlich wurde eine Quote von 30% verabschiedet, welche Streaminganbieter in Europa mit europäischen Filmen füllen sollen. Nur eine Maßnahme in einer großen Agenda der EU zur Unterstützung des hiesigen Filmschaffens. Über das CREATIVE MEDIA Programm werden jährlich Förderungen an Produktionen und für den Vertrieb bereitgestellt und zahlreiche Entwicklungs- und Networkingveranstaltungen finanziert. Und auch in Sachen Filmbildung gibt es Ideen, von der ich eine, den Lux Filmpreis, näher vorstellen möchte.

Das Europäische Parlament kurz vor der Verleihung des Lux Filmpreises, November 2016 © Foto von Cora Frischling

Um es vorweg zu nehmen: ich habe letztes Jahr an einem Programm für junge Cineast*innen teilgenommen, welches über diesen Filmpreis finanziert wird und habe im Zuge dessen den Titel „Lux Filmpreis-Botschafterin“ bekommen – eine Bezeichnung, mit der niemand, inner- oder außerhalb des Projektes, richtig etwas anzufangen weiß und die mich auch nicht dazu prädestiniert, hier Lobeshymnen auf EU-Modellprojekte zu singen. Vielmehr bin ich Rahmen des Projektes namens „28 times cinema“ mit filmaffinen Menschen aus allen EU-Mitgliedstaaten ins Gespräch gekommen (auch über diesen Preis) und habe selbst gesehen, wie sich eine große europäische Idee durch zu weit gefasste Konzepte in sich selbst verliert.

Es geht um Folgendes: Seit 2007 vergibt das EU-Parlament jährlich einen Preis an einen Film, der “Europa zusammenbringt”. Verantwortlich dafür ist das Kultur- und Bildungskomitee des Parlaments und der Etat kommt aus dem Kommunikationsbudget der Komitees, die das Projekt für unterstützenswert halten.

Es gibt eine Vorauswahl von 10 Filmen, aus denen die 3 Finalistenfilme das große Los ziehen, sie werden nämlich in alle 24 offiziellen EU-Sprachen untertitelt und auf Minifestivals, den sogenannten Lux-Filmtagen, überall in Europa gezeigt. Unter anderem auch im Europäischen Parlament, wo die Mitglieder anschließend über den Gewinner abstimmen können, welcher dann noch kostenlose Kopien für jedes Land erstellt und Versionen für Hör und Sehgeschädigte produziert bekommt.

Die drei Finalisten letztes Jahr waren KAUM ÖFFNE ICH DIE AUGEN von Leyla Bouzid, MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI von Claude Barras und TONI ERDMANN von Maren Ade (welcher, man wird es kaum glauben, auch gewann).

Zu diesen Filmen wurden außerdem Lernmaterialien kreiert, welche sich zum Beispiel Lehrende an Schulen herunterladen konnten, um zu den Filmtagen zu gehen und das Gesehene anschließend zu diskutieren.

Die drei Anwärter auf den Lux Filmpreis 2016

Alles noch nie gehört? Hatte ich vorher auch nicht. Und viele der 27 anderen jungen Cineast*innen in Venedig auch nicht. Woher auch?

Der Preis hat wie viele andere öffentlich finanzierte Projekte ein paar grundlegende Probleme. Die größte Frage ist doch: an wen richtet sich so ein Preis?

An die Parlamentarier, die über den Gewinner entscheiden? Die Beteiligung der 751 Abgeordneten lässt zu wünschen übrig.

An die Filmindustrie? Bei der Fülle an Preisen, die vergeben werden, und die keine Garantie auf weiterführende Erfolge geben (wie etliche Cannes-Gewinner der letzte Jahre bewiesen haben) ist ein Preis, der von MEPs vergeben wird, kein Symbol für künstlerische Leistung oder Innovation.

An die Filmemachenden? Abgesehen von persönlicher Anerkennung ist für sie die kostenlose Untertitelung sicherlich das spannendste, weil sie ihnen neue Regionen erschließen kann. “Wir haben gesehen, dass in dem Fall, wo die Untertitelung vorliegt, auch Filme in anderen Mitgliedsstaaten einen Verleiher finden, die vorher keinen hatten.”, sagt dazu Frank Piplat, Leiter des EU-Informationsbüros in Berlin. Dazu lassen sich natürlich keine Zahlen finden, aber Claude Barras, Regisseur von MEIN LEBEN ALS ZUCCHINI, kann dies im Interview nur bestätigen: „Ich bin glücklich Finalist zu sein. Das war das wichtigste, weil es die Untertitelung in alle europäischen Sprachen ermöglicht hat.“

Was sagen die kulturaffinen Erwachsenen Besucher*innen? Eine Veranstaltung wie die Filmtage in einer Stadt pro Land und an einem Tag im Jahr ist in der Reichweite begrenzt und geht im Angebot schnell unter. Von abgelegenen Gebieten außerhalb der Großstädte mal ganz zu schweigen. Und das Siegel Lux Filmpreis überzeugt auch keinen, sich jetzt diesen speziellen Film anzuschauen. Den Zuschauer*innen, mit denen ich bei den Filmtagen ins Gespräch kam, sagte der Name Lux Filmpreis nichts.

Bleibt noch der Fokus auf die Jugendlichen, für die es ja Lernmaterialien gibt. Diese beinhalten neben ausführlichen Analysen dramaturgischer Aspekte auch Vorschläge für Diskussionsfragen. Und gleichzeitig „ist es die größte Herausforderung, diese Generation zu erreichen, wegen der Zeit, die sie am Laptop verbringen“, sagt auch Maren Ade, Gewinnerin die in Straßburg den Lux Filmpreis für TONI ERDMANN entgegennahm, der sogar für den Oscar nominiert wurde.

Screening von „Kaum öffne ich die Augen“ während der Lux Filmtage im Babylon Berlin Mitte © Foto von Jens Schicke

Gleichzeitig steckt in der Bildungsarbeit für jüngere Generationen sicherlich das meiste Potential. Denn die EU verfolgt mit dem Lux Filmpreis ja zwei Ziele: Die Förderung des europäischen Films als Kulturgut und die Kommunikation europäischer Werte durch das Medium Film. Und beides lässt sich direkt an Bildungspolitik ankoppeln.

Wenn man will, dass Filme als mehr als reine Unterhaltung gesehen werden, muss man dafür sorgen, dass sie von Anfang an als solche behandelt werden: und zwar in der Schule.

Durch Förderung offener Lernressourcen und -portale (sogenannte Open Educational Resources oder OER). Darin könnte man verschiedenste Materialien zur Verfügung stellen, wie die Aufbereitung von noch mehr filmischen Inhalten, Links zu Rezensionen und Plattformen für Lehreraustausch. Es gab zuletzt 2013 Diskussionen zu OER in Verbindung mit digitalem Lernen auf EU-Ebene – bisher ohne richtiges Ergebnis. Derweil haben Lehrende und Bildungspolitiker*innen allerorts mit den rasant wachsenden Neuerungen der Digitalisierung zu kämpfen. Aber genau da liegt doch die Stärke und der Sinn der EU: Anstrengungen zu bündeln, damit nicht jeder das Rad der digitalen Bildung für sich neu erfindet.

Hinsichtlich der Filmbildung gab es vor zwei Jahren immerhin im Auftrag der EU-Kommission eine Sammlung von Vorschlägen zum Einbinden von Film in den Unterricht. Aber auch hier scheinen Mühlen des riesigen Experiments Europäische Union noch am Mahlen zu sein.

Vor wenigen Tagen tagte die Auswahlkommission des Lux Filmpreises für 2017 wieder in Brüssel. Ob sich dieses Jahr Änderungen an Konzept und Umsetzung der Veranstaltung ergeben haben, ist noch nicht bekannt. Ob die Botschater*innen des Preises dieses Jahr etwas zu tun bekommen ebenso wenig.

Ich hätte jedenfalls kein Problem, demnächst mal in meine alte Schule zu gehen und den Fernseher ins Klassenzimmer zu schieben. Ich würde auch für die Diskussion bleiben.

Claude Barras (r.) mit Támar Cachet in Straßburg. © Foto von Cora Frischling